
Lass die Bohnen sprießen – ein Experiment für engagierte Laienwissenschaftler
- Warum die Erhaltung lokaler und traditioneller Sorten fuer die Menschheit wichtig ist
Die Wurzeln der Kulturpflanzenvielfalt
Haben Sie sich jemals gefragt, woher die enorme Vielfalt an Früchten, Gemüsen und Getreiden stammt, die wir heute genießen?
Seit Jahrtausenden haben Landwirtinnen und Landwirte auf der ganzen Welt Wildpflanzen kultiviert. Über Generationen hinweg wählten sie diejenigen aus, die am besten wuchsen, besser schmeckten oder leichter zu ernten waren. Dieser Prozess – die Domestikation – begann im Neolithikum, vor rund 10.000 Jahren, und veränderte für immer die Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Die Domestikation von Pflanzen und Tieren fand vor etwa 10.000 bis 5.000 Jahren in mehreren Weltregionen statt: im Nahen Osten und im Mittelmeerraum, in Ost- und Westafrika, in Mesoamerika, in den Anden Südamerikas, in China und in Indien.
Durch die Domestikation wurden Wildpflanzen nach und nach an menschliche Bedürfnisse angepasst: Essbare Pflanzenteile wurden größer und farbenfroher, und eine bemerkenswerte Vielfalt an Nutzpflanzen entstand – jede mit einzigartigen Eigenschaften.
Wie schon Charles Darwin in Über die Entstehung der Arten bemerkte, zeigt diese Variation in Kulturpflanzen die Fähigkeit des Menschen, die Evolution zu lenken. Durch die Auswahl von Pflanzen mit gewünschten Merkmalen schufen Menschen Sorten, die in den unterschiedlichsten Umgebungen gedeihen können – von trockenen Wüsten bis zu kalten Gebirgen – und zugleich lokale Geschmäcker, Farben und Texturen widerspiegeln.
Die Gartenbohne als Beispiel für Domestikation
Die Gartenbohne (Phaseolus vulgaris) veranschaulicht eindrucksvoll, wie Domestikation zur Vielfalt führt. Ihr wilder Vorfahre entstand in Mittelamerika (dem heutigen Mexiko) und breitete sich vor etwa 200.000 Jahren nach Südamerika aus, wo sich zwei Wildgenpools bildeten: der mesoamerikanische und der andine. Beide wurden unabhängig voneinander von Menschen domestiziert (in Kultur genommen) – zuerst in Mesoamerika (vor etwa 9.000–8.000 Jahren). Die andinen Bohnen entwickelten größere Samen, während sich die mesoamerikanischen an unterschiedliche Böden und Klimazonen anpassten.
Diese frühen domestizierten Bohnen waren empfindlich gegenüber der Tageslänge, welche die Blütezeit steuert. Als die Bauern begannen, sie in wärmeren, tiefer gelegenen Regionen anzubauen, wählten sie Pflanzen aus, die früher blühten und unter anderen Lichtverhältnissen gedeihen konnten. So entstanden verschiedene „Rassen“: Jalisco, Durango und Mesoamerica in Mexiko sowie Peru und Chile in Südamerika.
Nach Europa gelangte die Bohne durch Samen, die die Spanier nach der Eroberung Perus mitbrachten. Karl V, König von Spanien und später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, übergab sie Papst Clemens VII., der ihre Verbreitung förderte – unterstützt von Piero Valeriano Bolsanio aus Belluno, dem Sekretär des Papstes aus der Medici-Familie. Später wurde auch mesoamerikanisches Material eingeführt, was die Vielfalt in Europa weiter vergrößerte.
Im Laufe von Jahrtausenden schufen Landwirte zahlreiche lokale Sorten, sogenannte Landsorten, die jeweils an ihre spezifischen Böden, Klimabedingungen und die symbiotischen Rhizobien-Bakterien angepasst waren, welche Stickstoff im Boden binden. Die Menschen wählten Bohnen nach Geschmack, Kochqualität, Schädlingsresistenz und sogar nach essbaren Hülsen aus – frische grüne Bohnen –, die in mehreren Regionen unabhängig voneinander entwickelt wurden. Dies zeigt die Kreativität der Menschheit, Nahrung vielseitiger und genussvoller zu gestalten.
Was sind Pflanzengenetische Ressourcen?
All diese Sorten zusammen bilden das, was Wissenschaftler als Pflanzengenetische Ressourcen (PGR – Plant Genetic Resources) bezeichnen – eine lebende Bibliothek genetischer Informationen aller Kulturpflanzen. Dazu gehören:
- Wilde Verwandte kultivierter Arten
- Domestizierte Formen, wie etwa
- Landsorten/Landrassen – traditionelle, lokal angepasste Varietäten
- Moderne Sorten – hauptsächlich in den letzten zwei Jahrhunderten gezüchtet
Landsorten entstanden im Verlauf vieler Jahrhunderte durch sorgfältige Auswahl durch Landwirte/Bauern. Sie sind optimal an lokale Umweltbedingungen angepasst, da sie menschliche Bedürfnisse, Bodenbeschaffenheit und Klima miteinander in Einklang bringen. Sie gedeihen unter Bedingungen mit geringem Einsatz von Dünger oder Pflanzenschutzmittel und besitzen eine hohe Vielfalt innerhalb einer Landrasse– viele verschiedene Genotypen existieren nebeneinander auf dem Feld und passen sich gemeinsam an. Diese genetische Diversität verleiht ihnen eine natürliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen, Trockenheit und nährstoffarmen Böden.
Im Gegensatz dazu sind moderne Sorten einheitlich und auf maximales Ertragspotenzial gezüchtet, hängen jedoch stark von chemischem Input und Bewässerung ab.
Warum ist es so wichtig, lokale Sorten zu erhalten?
Auch wenn moderne Sorten eine wichtige Rolle spielen, bilden traditionelle und wilde Formen die Grundlage der weltweiten Ernährungssicherheit. Sie enthalten das genetische Rohmaterial, das Züchter ebenso wie Landwirte nutzen, um die Sorten von morgen zu entwickeln – mit Eigenschaften, die für die Anpassung an unterschiedliche Umweltbedingungen wichtig sind.
Darüber hinaus fördern sie positive Wechselwirkungen zwischen Pflanzen – sowohl innerhalb einer Art als auch zwischen verschiedenen Arten – und tragen so zu gegenseitigen, stabilisierenden Beziehungen in vielfältigen Beständen bei, wie sie insbesondere im ökologischen Landbau oder beim Mischanbau genutzt werden. Traditionelle Sorten weisen zudem eine große genetische Vielfalt in Merkmalen wie Nährstoffgehalt und Anpassungsfähigkeit an extreme Bedingungen auf. Diese Vielfalt ist entscheidend für die Verbesserung der Ernährungsqualität und für die Bewältigung des Klimawandels.
Wenn diese Sorten verloren gehen, sind sie für immer verloren – denn genetische Ressourcen lassen sich nicht ersetzen.
Damit verschwinden auch:
- Eigenschaften, die Pflanzen resistent gegen Trockenheit, Überschwemmungen, Schädlinge oder Krankheiten machen,
- Möglichkeiten, Pflanzen in schwierigen oder sich verändernden Umgebungen anzubauen,
- sowie kulturelles Erbe, Geschmack und traditionelle Küchen.
Diese Vielfalt ist die biologische „Versicherung“ der Menschheit für die Zukunft. Sobald eine lokale Sorte oder ein wilder Verwandter verschwindet, ist er unwiederbringlich verloren. Deshalb bewahren Genbanken weltweit Samen und lebende Pflanzen auf, um diese Vielfalt für kommende Generationen zu sichern.
Ebenso wichtig ist jedoch die dezentrale Erhaltung, damit diese Vielfalt allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich bleibt und so aktiv weiterbestehen kann. Als INCREASE Citizen Scientist ist Ihre Teilnahme von unschätzbarem Wert: Indem Sie Bohnen verschiedener Sorten anbauen, beobachten und Daten teilen – selbst wenn die Pflanzen nicht perfekt sind –, tragen Sie dazu bei, ihre einzigartigen Merkmale zu bewahren und diese unschätzbare genetische Vielfalt zu erhalten.
Jede Pflanze, die Sie anbauen und mit anderen Saatgut teilen, hilft, das biologische und kulturelle Erbe der Menschheit zu schützen.
Melden Sie sich jetzt für die Ausgabe 2026 des INCREASE Citizen Science Experiment an!
Sie sind neu beim INCREASE Citizen Science Experiment und wollen 2026 mit dem Bohnenanbau beginnen? Dann laden Sie bitte die „INCREASE CSA“ App herunter und registrieren Sie Ihre Teilnahme bis zum 30. April 2026.
Haben Sie bereits an früheren Runden des Experiments teilgenommen und möchten Sie auch 2026 weiterhin Bohnen anbauen? Sie sind automatisch für diese neue Runde registriert, sobald sie beginnt. Bitte bestätigen Sie jedoch Ihre Teilnahmeabsicht und geben Sie Ihre Saatgutverfügbarkeit über die entsprechende Schaltfläche in der „INCREASE CSA”-App an. Sie erhalten von uns kein neues Saatgut. Stattdessen empfehlen wir Ihnen, die Saatgutbörse der App zu nutzen. Als wiederkehrender Teilnehmer können Sie während der Saatgutbörse, die am 1. Februar 2026 beginnt, Saatgut aus Ihrer eigenen Ernte anbauen und/oder Saatgut von anderen Teilnehmern anfordern.
Bitte beachten Sie, dass wir alle Bürgerinnen und Bürger berücksichtigen, die an früheren Runden teilgenommen und tatsächlich Bohnen erhalten haben (vollständige Validierung in der App). Alle anderen registrieren sich bitte als neue Teilnehmer.
- So laden Sie die App herunter
- Gehen Sie in Ihren App Store (Google Play oder Apple App Store) und suchen Sie nach INCREASE CSA.
- Laden Sie die INCREASE CSA App herunter und installieren Sie sie auf Ihrem Smartphone.
- Erstellen Sie ein Konto, indem Sie eine Login-E-Mail-Adresse und ein Passwort eingeben.
- Bestätigen Sie Ihre E-Mail-Adresse in der entsprechenden E-Mail von increase.csa@gmail.com.
- Öffnen Sie das Menü, indem Sie auf die drei Striche in der oberen linken Ecke klicken.
- Klicken Sie auf das Untermenü für die CSE-Anmeldung.
Geben Sie die geforderten Daten ein und schicken Sie Ihre Anmeldung ab.
Für frühere Teilnehmer - Austausch von Saatgut
Wenn Sie an früheren Runden teilgenommen haben, können Sie gerne die Saatgutbörse nutzen, um Ihre Ernte mit anderen Teilnehmern zu teilen. Hier finden Sie weitere Informationen.
Wissenschaft ist nicht nur für WissenschaftlerInnen. Jeder kann sich einbringen. Die Beteiligung der Öffentlichkeit an der wissenschaftlichen Forschung wird immer wichtiger um das Verständnis der Allgemeinheit für die Wissenschaft und ihren Nutzen für die Gesellschaft zu erhöhen. Am wichtigsten ist, dass sie die wissenschaftliche Forschung selbst voranbringt. ... diese Beteiligung spielt daher eine entscheidende Rolle bei INCREASE. Hier dreht sich alles um die Bohne!
Das Citizen Science Experiment, das im Rahmen des Projekts durchgeführt wird, ruft alle interessierten BürgerInnen dazu auf, ehrenamtlich zu einem innovativen, dezentralen Ansatz zur Saatgutkonservierung, -vermehrung und -weitergabe beizutragen und diesen zu testen, mit dem Ziel die Agrobiodiversität zu erhalten.
Alles, was Sie dazu brauchen ist ein Feld, einen Garten, eine Terrasse oder einen Balkon.
Durch das Bohnenexperiment unterstützen Sie die:
- Förderung der genetischen Vielfalt von Leguminosen in Europa
- Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen über genetische Ressourcen und Nahrungsleguminosen
- Entwicklung einer Methode und eines Wissens bei den Bürgern, das auf andere pflanzengenetische Ressourcen angewendet werden könnte
- Etablierung und Erprobung eines dezentralen Ansatzes zur Erhaltung, gemeinsamen Nutzung und Wertschätzung genetischer Ressourcen
Was Sie als Teil des Experiments tun werden:
- ein Päckchen mit einigen verschiedenen Bohnensorten erhalten
- Bohnen nach den vorgegebenen Anweisungen pflanzen, pflegen und züchten
- Informationen über die Bohnen sammeln und erfassen mit der eigens entwickelten App
- Tipps und bewährte Methoden vorschlagen, z. B. als Text, Bilder oder Videos, die anderen Teilnehmern über die spezielle App helfen könnten
- Die Bohnen ernten und:
- die Samen für die folgenden Jahre reproduzieren (wir werden die Samen nur einmal an jeden Bürger verteilen, aber die Citizen-Science-Initiative wird über vier Jahre laufen). Die Samen werden dann von Bürgern vervielfältigt, die die Citizen-Science-Initiative über die geplanten fünf Jahre von INCREASE hinaus am Laufen halten werden.
- das Saatgut anderen Bürgern zum Tausch anbieten (unter Verwendung eines gemeinsam mit der FAO entwickelten Protokolls)
- leckere Mahlzeiten damit kochen!
- Ihre Bewertung und Rezepte zusenden, die in "Tausende traditionelle und innovative Rezepte zum Kochen von Bohnen" auf der INCREASE-Website veröffentlicht werden sollen
Warum sollten Sie mitmachen?
1. Tragen Sie zur Sammlung von Informationen bei durch:
- Bewertung des Potenzials und der Vielfalt von mehr als 1.000 lokalen Bohnensorten, die ursprünglich von den Feldern der Bauern entnommen wurden
- Messung von Pflanzenmerkmalen unter lokalen Anbaubedingungen, die die Anpassung an verschiedene europäische Umgebungen zeigen
- Entwicklung einer Fotogalerie
- Angabe Ihrer Vorlieben für Bohnenfarben, -formen und -geschmack
- Auflistung traditioneller und innovativer Kochrezepte
- Einreichen von erzählendem Text, der lokale Traditionen und historische Fakten in Bezug auf die Gartenbohne beschreibt, aber auch originelle Geschichten, die mit der Gartenbohne zu tun haben oder sie betreffen
- Vergleichen Ihrer eigenen Lieblingsbohnensorte mit denen der Citizen-Science-Initiative um so einen weiteren Beitrag zu den Bohnen-Datenbanken leisten
2. Tragen Sie zur Nutzung von Informationen bei durch:
- Erforschung der umfangreichen Ressourcen, die mit Hilfe aller Teilnehmer entwickelt wurden
- Vergleich verschiedener Sorten einschließlich ihrer DNA-Informationen, die helfen könnten, die Geschichte der Verbreitung lokaler Sorten in Europa zu rekonstruieren
- Austausch von Informationen und Praktiken mit anderen Teilnehmern aus ganz Europa
3. Tragen Sie zum Austausch von Saatgut mit anderen Teilnehmern bei (unter Beachtung aller Anforderungen des internationalen Abkommens über biologische Vielfalt und genetische Ressourcen zur Förderung des Vorteilsausgleichs)
4. Tragen Sie zur Entwicklung neuer Sorten durch Kreuzung und Auswahl bestimmter Varianten bei
5. Letztendlich leisten Sie einen Beitrag zur Verbesserung der Biodiversität in Europa und tragen zu einer gesünderen Ernährungsweise mit Hülsenfrüchten bei.


